Reiseberichte aus Ägypten


Die Müllsammler von Esbet en Nakhl
Ein Leben am Rande der Gesellschaft
Erschienen im AV-TIPP-Magazin 03/2004


Feine Schweißperlen treten aus sämtlichen Hautporen, sammeln sich zu einem feinen Rinnsal, das unaufhörlich lästig in die Augen tropft und den Blick trübt. Es ist September und heiß, unglaublich heiß in Kairo – die Einheimischen sagen sogar, es sei der heißeste Sommer seit 10 Jahren und selbst für Hitzeerprobte eine Herausforderung. Doch die sengende Sonne ist momentan unser geringstes Problem. Wieder übermannt mich eine Welle heftiger Übelkeit, kalter Schweiß durchtränkt mein T-Shirt und ich versuche ganz flach zu atmen – was gäbe ich jetzt für ein Quäntchen Frischluft!

Ein abgemagerter Hund liegt apathisch auf einem gigantischen Berg aus organischen Abfällen, sein Körper ist übersät mit eiternden Furunkeln und das Fell verklebt von seinem Kot. Den Kampf gegen die lästigen Fliegenschwärme hat er schon lange aufgegeben. Ja, hier in der Müllsammlersiedlung von Esbet en Nakhl haben die Aasfliegen ein wahres Eldorado gefunden. Der süßliche Gestank von Fäulnis mischt sich mit dem beißenden Verwesungsgeruch von Tierkadavern – hauptsächlich Ratten, die hier augenscheinlich in der gleichen Häufigkeit anzutreffen sind wie die Fliegen.

Dazwischen herrscht geschäftiges Treiben: barfüßige Kinder und Frauen, die mit bloßen Händen den stinkenden Müll durchwühlen, um daraus feinsäuberlich nach verschiedenen Materialien sortierte Haufen zu bilden. Eine gigantische schwarze Rußwolke steigt irgendwo aus dem Wirrwarr von Wellblechhütten empor, bahnt sich unerbittlich ihren Weg durch die engen Gassen und raubt uns im Nu den Atem mit einer neuen, fremdartigen Geruchskomponente. Es riecht irgendwie chemisch, ein bisschen nach Gefahr, vor allem aber ziemlich ungesund. Während unser Verstand zum eiligen Rückzug aus der Gefahrenzone rät, möchte unsere Neugier der Ursache unbedingt auf den Grund gehen. Langsam setzen wir also unseren Weg fort, vorbei an den schäbigen Wellblechhütten, die bis zum Rand angefüllt sind mit Blech, Gummi, Kompost, Papier oder Plastik. Vorbei an grunzenden Schweinen und meckernden Ziegen, die bis zu den Knien in ihrem eigenen Kot stehen – immer der Nase nach, dem Quell des Übels entgegen.

Der Besuch der Müllsammlersiedlung von Esbet en Nakhl ist wahrlich eine Herausforderung für sämtliche Sinne. Am liebsten würde man die Augen schließen, sich die Ohren zuhalten, nichts mehr sehen, hören, riechen und vor allem fühlen wollen. Nach dem touristischen Pflichtprogramm aus Pyramiden und Nationalmuseum, Kunst und Kultur, pulsierendem Stadtleben und bunten Märkten erscheint uns dieser Ort wie die reine Apokalypse und doch sind wir erst jetzt am eigentlichen Ziel unserer Reise angekommen. Mit Kirstin Wolf, der Vorsitzenden des „Afrika Freundeskreis e.V.“ sind wir nach Kairo gereist, um eines der Hilfsprojekte, die der Verein unterstützt, einmal in natura in Augenschein zu nehmen. In Kairo gibt es ca. 50 000 Müllsammler, die in insgesamt 6 Müllsammlersiedlungen leben.

Das Gebiet Esbet en Nakhl liegt im Nordosten von Kairo, etwa 15 km vom Stadtzentrum entfernt. Hier leben ca. 220 000 Menschen unterschiedlicher Herkunft und Profession. Am Rande des ganz normalen Kairoer Stadtbildes, im Westteil von Esbet en Nakhl, stoßen wir schließlich auf die Hüttensiedlung der Müllsammler. 6000 Menschen arbeiten hier, ein Viertel davon lebt in rostigen Wellblechhütten, inmitten dieser riesigen Müllhalde. Es fehlt an jeglicher Infrastruktur, die unbefestigten Wege sind übersät mit unverwertbaren, stinkenden Abfällen. Die hygienischen Verhältnisse sind denkbar schlecht. Um einen realistischen Einblick in die problematischen Lebensverhältnisse der so genannten Zabbalin (= Müllsammler) zu erhalten, bedarf es eines Vermittlers, der mit den Gegebenheiten gut vertraut ist. Auf unserer Erkundungstour durch die Siedlung werden wir daher freundlicherweise von einem Sozialarbeiter und von Nabil, dem Oberhaupt der Müllsammler begleitet, die sich eifrig bemühen, unsere Kenntnisse über das Leben der Zabbalin zu erweitern:

Heute leben zwischen 15 und 20 Millionen Menschen in Kairo, der Hauptstadt Ägyptens und es werden stetig mehr. Täglich fallen unvorstellbare Mengen von bis zu 10 000 t Müll an, in denen die Stadt zusehends erstickt. Bis vor kurzem wurden nur 35% dieser Müllmenge von privaten Firmen im Auftrag der Regierung entfernt, ganze 40% des Mülls verblieben in den Straßen Kairos und ein Viertel wurde von den Zabbalin eingesammelt. In den letzten Monaten änderte sich das jedoch schlagartig. „Bald werden wir alle arbeitslos sein und keine Möglichkeiten mehr haben, unseren Lebensunterhalt zu verdienen!“, erzählt uns Nabil verzweifelt. Was er mit „arbeitslos“ meint, ist mir zunächst völlig unklar. Denn wie kann man mit einem riesigen Haufen Abfall überhaupt Geld verdienen?

Meine Vorstellungen, dass die Zabbalin für die Entsorgung des Abfalls vielleicht von der Administration Kairos finanziell unterstützt würden, sind jedenfalls völlig falsch. „Ganz im Gegenteil! Die Regierung möchte die Existenz solcher Müllsammlergruppen am liebsten vertuschen, da die „schmutzigen“ Müllsammler so gar nicht ins Bild des modernen Kairos passen wollen.“, klärt mich Kirstin Wolf auf. Dies führte schließlich dazu, dass die Zabbalin nur am Rande der Gesellschaft und am Rande Kairos in informellen Siedlungen geduldet werden. Viele von ihnen wurden sogar als „Gesetzlose“ aus ihren Wellblechhütten vertrieben. Seit Anfang des Jahres 2003 hat die Regierung nun weitere private Müllentsorgungsunternehmen engagiert, um den Müllsammlern die Existenzgrundlage und damit ihre „Daseinsberechtigung“ endgültig zu entziehen. Die Arbeit der Zabbalin gilt seitdem als illegal.

Doch die neuen Unternehmen haben bei weitem nicht so viele Vorteile wie die Regierung glauben machen möchte. Nach dem neuen System muss der Müll von den Haushalten zu fest installierten Containern gebracht werden, die regelmäßig von großen Transportern entleert werden. Vor allem für alte und kranke Menschen ist dies eine Zumutung, denn der Weg zu den Sammelbehältern ist weit und die Entsorgung zudem noch sehr teuer. Früher kamen die Zabbalin direkt an die Haustüre, um den Müll gegen ein kleines Trinkgeld in Empfang zu nehmen – doch dies ist ihnen nun verboten. „Wir recyclen den Müll, was die großen Unternehmen nicht tun. Das ist viel besser für die Umwelt!“, betont Nabil mit Nachdruck und fügt trotzig hinzu: „Wir sammeln jetzt eben heimlich weiter unseren Müll ein.Wir geben nicht auf – niemals!“

Eine Gruppe von Kindern kommt neugierig und fröhlich lachend auf uns zugelaufen, denn dass sich Touristen in diese Gegend „verirren“, ist selten. Nabil hat alle Hände voll zu tun, den Eifer der Kinder zu bremsen. In ihrem fröhlichen Übermut könnten sie nämlich sehr leicht erheblichen Schaden nehmen. Wie groß die Gefahr ist, wird uns schon wenig später bewusst, als Nabil sich niederbückt und zwischen den nackten Kinderfüßen eine achtlos herumliegende Spritze mit spitzer Kanüle hervorzieht. „Der Klinikabfall ist hier in Esbet en Nakhl ein großes Problem. Unsere kleine Krankenstation ist täglich voll mit Kindern, die sich gebrauchte Spritzen in den Fuß treten oder gar Tabletten hinunterschlucken, die sie im Müll finden“, erklärt uns der Sozialarbeiter mit sorgenvoller Miene. Doch auch die mangelnde Hygiene führt zu ernsten Gesundheitsschäden, denn in einem Müllsammlergehöft leben Mensch und Tier auf engstem Raum zusammen.

In den Hütten aus Wellblech und Pappe stapelt sich der Abfall, auf dem die Zabbalin zum Schlafen ihre Matten ausbreiten. Strom- und Wasserleitungen gibt es keine. Das als Trinkwasser genutzte Grundwasser ist verseucht, denn die Schadstoffe des verwesenden Mülls und die Medikamentenabfälle aus den Kliniken sickern ungeachtet in den Boden. Viele Bewohner der Siedlung sind deshalb von schweren Krankheiten, vor allem Leber- und Nierenschäden betroffen. Die Lebenserwartung der Zabbalin liegt deutlich unter der von der restlichen ägyptischen Bevölkerung. Ungeachtet der zahlreichen gesundheitlichen Risiken und der menschenunwürdigen Lebensbedingungen zieht es immer wieder verzweifelte Bauern wegen der allgemeinen Knappheit an landwirtschaftlicher Nutzfläche nach Kairo, um in der Hoffnung auf ein besseres Leben den Beruf des Müllsammlers zu ergreifen. So unvorstellbar es auch klingt: für diese Menschen ist das Müllsammeln die einzige Möglichkeit, sich ihre Existenz zu sichern.

Wie der Arbeitstag eines Zabbalin aussieht und wie er sein Geld verdient, erfahren wir am Beispiel eines etwa 15-jährigen Jungen, den wir bei seiner Arbeit beobachten können. Mehrere Männer wuchten einen riesigen Sack voller Papierabfall von einem Pickup auf den Rücken des Jungen. Die schwere Last scheint das Kind unter sich zu begraben, unsicheren Schrittes wankt es die endlose Gasse hinunter, um den Sack schließlich taumelnd zu einer großen Waage zu transportieren. Dann ertönt lautes Freudengeheul. „Der Sack Papier wiegt 70 kg! Das bringt beim Zwischenhändler gutes Geld für den Sammler und die Rückenschäden sind im Nu vergessen!“, erklärt Nabil freudestrahlend. So unscheinbar der Sack voller Papier auf den ersten Blick auch wirken mag, ist er doch das gewinnbringende Endprodukt eines endlos langen, mühevollen Tages im Leben eines Zabbalin.

Nacht für nacht ziehen die Männer und Kinder mit Pickups und Eselskarren durch die Stadt, um den Müll der Haushalte Kairos einzusammeln. Wenn der Morgen graut, müssen sie sich schleunigst auf den Rückweg zu ihrer Siedlung machen, da die Regierung ihren Anblick im Stadtbild nicht duldet. Gegen Mittag liefern die Zabbalin ihre Ausbeute im Hof der Siedlung ab und überlassen die restliche Arbeit ihren Frauen und Kindern. Diese benötigen für die Sortierung zwischen fünf und acht Stunden. Getrennt wird mit bloßen Händen in verschiedene Körbe nach Papier-, Plastik-, Blech-, Glas-, und organischem Müll. Mit Ausnahme der organischen Abfälle, die sie an ihre Schweine, Ziegen und Hühner verfüttern, verkaufen die Zabbalin die sortierten Wertstoffe zur Weiterverarbeitung an die so genannten Maalim (=Zwischenhändler), die den Weiterverkauf an die Endabnehmer organisieren. Jeder Zwischenhändler ist dabei auf einen bestimmten Rohstoff spezialisiert und bezahlt den Zabbalin nach dem Gewicht der gelieferten Ware.

Müll, der beim Zwischenhändler keinen Absatz findet, muss von den Müllsammlern gegen Bezahlung auf eine Müllkippe in der Wüste gebracht werden. Da dies jedoch sehr teuer ist, sind viele Zabbalin aus existentiellen Gründen dazu gezwungen, den Restmüll direkt in ihrem Hof zu verbrennen. Womit wir endlich auch der Ursache des beißenden Geruchs und der schwarzen Rußwolken auf die Spur gekommen wären: Zwischen zwei Wellblechhütten kokelt ein verdächtig qualmendes Feuer, in dem bei genauerem Hinsehen allerlei Plastikgegenstände vor sich hinschmoren. „Eigentlich sollte das Plastik nicht offen verbrannt werden, weil die Dämpfe für uns und die Umwelt sehr schädlich sind“, sagt Nabil beschämt und wirkt plötzlich sehr traurig. Wegen dieser gesundheitlichen Risiken wurde vom Afrika Freundeskreis e.V. in Zusammenarbeit mit den Zabbalin und dem Sozialarbeiter bereits vor vielen Jahren ein Konzept für das Recycling von Plastiktüten ausgearbeitet.

Der Afrika Freundeskreis e.V. finanzierte die dafür benötigten Maschinen sowie ein spezielles Gebäude, in dem der gesamte Prozess ablaufen konnte. Die Arbeit wird bis heute von den Zabbalin selbst verrichtet, die aus dem Verkauf des wiedergewonnenen Plastikgranulats zusätzlichen Gewinn schlagen. Über mehrere Jahre hinweg lief dieses Konzept sehr erfolgreich und die gefährlichen Dämpfe über der Siedlung waren verschwunden.

Doch der Gestank, der neuerlich wieder durch die Gassen zieht, ist das alarmierende Signal, dass die Arbeitssituation der Zabbalin sich zusehends verschlechtert und er bietet zudem der Stadtverwaltung ein weiteres Argument, die ungeliebten Zabbalin zu vertreiben, um anschließend das frei werdende Gelände für die lukrative Errichtung von Wohnimmobilien zu nutzen. Um dieser latenten Gefahr entgegenzuwirken, unterstützt der Afrika Freundeskreis e.V. u.a. ein Rehousing-Projekt in der Müllsammlersiedlung von Esbet en Nakhl. Während zur Gründerzeit der Siedlung die Mehrheit der Zabbalin in den Blechhütten wohnte, in denen sie auch arbeitete, leben heute ca. 75% der Müllsammler in einem Steinhaus, das sich meistens außerhalb der eigentlichen Müllsiedlung befindet.

Trotzdem haust immer noch ein Viertel der Zabbalin unter menschenunwürdigen Bedingungen. Aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen ist eine Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz für diese Menschen dringend notwendig. Das Gesetz schreibt vor, dass in Kairo nur fest gemauerte Häuser ans Wasser- und Stromnetz angeschlossen werden dürfen. Mit dem Bau einfacher Häuser schlägt der Afrika Freundeskreis e.V. daher gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Zabbalin bekommen endlich sauberes Trinkwasser und sind vor der Vertreibung aus ihrer Siedlung durch die Regierung geschützt, da sie nicht länger als Illegale in den informellen Wellblechhütten leben. Von einem Sozialarbeiter, der die Afrika-Freundeskreis-Projekte bei den Müllsammlern seit vielen Jahren betreut, wurde in Zusammenarbeit mit einem ägyptischen Bauingenieur ein Musterhaus entwickelt. Es verbindet Funktionalität mit geringen Baukosten und lässt die Möglichkeit für spätere Erweiterungen (z.B. 1. Stock) offen.

Die Zabbalin sind außerordentlich stolze Menschen, trotz aller Widrigkeiten ist ihr Überlebenswille ungebrochen. Daher sieht das Projekt langfristig vor, überwiegend Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten und die Zabbalin anzuregen, selbst ein Haus aus Stein zu bauen – soweit ihre Einkommenssituation dies gestattet. Wie wichtig es für ihr Selbstwertgefühl ist, aus eigener Kraft eine Existenz aufzubauen, sehen wir am Beispiel der 10-köpfigen Familie, die bereits eines der wenigen Steinhäuser inmitten der Müllsiedlung bewohnt. Stolz zeigt uns der Vater sein mehrstöckiges Eigentum. Vor wenigen Monaten hat er sich nicht einmal im Traum vorstellen können, einmal Hausbesitzer zu sein. Nur einen kleinen Teil benötigte er an Zuschuss, um sich seinen großen Traum zu erfüllen. Schon kleine Spenden können den Grundstein für eine neue, gesicherte Existenz legen. Wenn man bedenkt, dass ein Ziegelstein inklusive Zement umgerechnet etwa 10 Cent kostet, waren insgesamt nur 3300 Euro nötig, um einer Großfamilie den Start in eine neue, gesicherte Zukunft zu ermöglichen!

Voller Eindrücke kehren wir zurück nach Deutschland, ich schalte den Fernseher ein, sehe alarmierende Balkendiagramme von der stetig steigenden Arbeitslosigkeit in Deutschland, höre, dass „alles immer schlechter“ wird und denke mulmig an meine eigene, ungewisse Zukunft. Doch dann tauchen vor meinem geistigen Auge Erinnerungen an die Zabbalin auf: Ich sehe den ungebrochenen Stolz in ihrem Blick, das übermütige Lachen in ihren Augen. Kein Jammern und keine Klagen kommen jemals über ihre Lippen. Ich spüre wieder ihre unbändige Lebensfreude, die mich angesichts all ihres Elends nur fassungslos staunen lässt. Beschämt begreife ich, dass ich mir von diesem bedingungslosen Optimismus und dem starken Willen, sich niemals unterkriegen zu lassen, eine gehörige Scheibe abschneiden kann. Und plötzlich erfüllt mich tiefe Dankbarkeit, dass ich diesen Menschen begegnen durfte.

ENDE

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Afrika Freundeskreis e.V.