Reiseberichte aus Madagaskar

Im Einbaum durch die Wildnis
Auszüge aus einem Reisetagebuch

Was um alles in der Welt hat uns in dieses gottverlassene Kaff am Ende der Welt geführt?“. Ich stochere lustlos in der graubraunen Reispampe vor mir. „Tsiribihina, der Geheimtipp von Madagaskar. So geheim, dass man es noch nicht mal mitkriegt!“ nöle ich weiter. „Excuse me, Madam. You are German?” breit grinsend schwingt sich der drahtige Typ an unseren Tisch und stellt sich in bestem Englisch als „Neina” vor. Freunde von ihm hätten zwei Einbaum-Boote, sagt er. Er lebe seit seiner Geburt in diesem malerischen Örtchen. Wenn sich alle fünf Jahre mal ein Tourist in diese Gegend verirrte, wäre er, Neina, derjenige, der ihm das Dorf zu einem unvergesslichen Erlebnis machen würde. Trotz meiner schlechten Laune, muss ich zugeben, dass ich diesen Typ auf Anhieb gut leiden kann und nun doch ganz schön neugierig geworden bin.

„Das Dorf hat seinen Namen von dem wunderschönen Fluss Tsiribihina, auf dem man tagelang im Einbaum gen Westen paddeln kann. Habt ihr Lust auf ein unglaubliches Naturparadies, eine Erfahrung der beson deren Art?“ fragt Neina. Na klar haben wir Lust! Immer noch besser als hier festzusitzen! Per Handschlag ist die Sache besiegelt.

Am nächsten Tag soll es losgehen. Eilig verabschiedet sich Neina, denn er muss schleunigst die Boote startklar machen und auf den Markt, um den Proviant für die Tour einzukaufen. Dass er und seine beiden Freunde uns auf dieser Tour mit landestypischen Leckerbissen erwöhnen, sei schließlich selbstverständlich. Ich kann mein Glück kaum fassen – nach drei Wochen Reis mit Gemüse zum Frühstück, Mittag, Abend... nun ein Licht am dunklen Horizont! „Esst ihr eigentlich auch Fleisch?“, fragt Neina noch nebenbei. „Oh ja, gerne!“, sage ich und mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Aber auf einer tagelangen Bootstour bei 40°C im Schatten und sengender Sonne dürften wir mit dem Fleisch ein nicht unerhebliches Kühlproblem haben, oder? Neina winkt nur lachend ab und macht sich auf den Weg.

Am nächsten Morgen finden wir uns am Ufer des Tsiribihina ein. Das ganze Dorf ist schon auf den Beinen, um die seltsamen „Vazahars“ (Weiße) genau unter die Lupe zu nehmen. Unter dem lauten Kichern und Schnattern der Einheimischen laden wir unsere Rucksäcke in die schmalen Boote, die aussehen, als hätte man einfach auf der Oberseite ein Loch in einen Baumstamm gemeißelt. Eigentlich ist das Boot mit unserem Gepäck schon voll, doch Neina lädt unbeirrt noch einige Riesenmelonen, frische Eier, Mangos und kiloweise Tomaten ein. „Ihr Touristen vertragt ja nichts!“, sagt er lachend. Und während Neina sich graubraunes, bedenklich schäumendes Flusswasser in seinen Trinkbecher schöpft, werden mehrere große Kanister Quellwasser auf die überladenen Boote geschichtet – exklusiv für unsere empfindlichen Touristendärme!

Ich kremple voller Tatendrang die Hosenbeine hoch und will endlich Richtung Einbaum loswaten, als ich eine Hand auf meiner Schulter spüre. Ich drehe mich um und blicke in das wettergegerbte Gesicht eines Mannes, der mich zahnlos angrinst. Unter seinem rechten Arm blinzelt ein schwarz-weiß geflecktes Huhn mit zusammengebundenen Beinen hervor. „Ach ja, fast hätten wir unser Fleisch vergessen!“, ruft Neina. Der alte Mann drückt mir das Huhn in die Hand und nickt mir aufmunternd zu. Ich bin immer noch wie betäubt. Das ist also der Trick: wir brauchen keinen Kühlschrank, wir nehmen unser Essen lebendig mit! “Halt, Stopp! Nehmen Sie Ihr Huhn bitte wieder mit! Ich bin spontan zum Vegetarier mutiert!“, krächze ich schwach hinter dem Mann her, doch er versteht mich natürlich nicht. Also haben wir jetzt noch einen Passagier an Bord!

Neina und seine beiden Freunde rudern. Die Gegend wird immer einsamer, keine Spuren menschlicher Behausung weit und breit. Nur wir und die Wildnis. Lautlos gleiten wir durch eine steile Schlucht hindurch. Über uns zieht ein Seeadler seine Runden und große Fruchtfledermäuse hängen dösend in den Felswänden. Ich seufze und denke ganz still bei mir: “Oh, wie schön ist die Welt!“

Mein Hintern schmerzt etwas und ich versuche, eine neue Sitzposition zu finden. „Ich sehe schon, ihr braucht dringend was zu tun!“, neckt Neina. Er pfeift und ruft laut etwas auf Malagas ins Gebüsch. Lang dauert es nicht, da kommt aus dem Nichts eine Person ans Ufer gelaufen. In der Hand ein schönes, großes Holzpaddel! Wir halten kurz. Neina plaudert munter eine Weile mit dem Typen, schiebt schließlich grinsend eine Melone vom Boot und nimmt dafür das Paddel entgegen. „Das war ein gutes Tauschgeschäft!“, sagt er nicht ganz ohne Stolz.

„So und nun seid ihr dran mit Paddeln! Viel Spaß!“ Eh wir uns versehen, haben Beppo und ich die Ruder in der Hand. Neina hingegen rutscht seinen Hut in die Stirn, klemmt sich einen Grashalm zwischen die Zähne und fläzt sich in Liegeposition ins Boot, wobei er das gack-ernde Huhn unsanft beiseite schiebt.

Es ist anstrengend, es ist schweißtreibend, es ist aussichtslos. Wir eiern die nächsten Kilometer im Zickzack über den Tsiribihina. Meine Muskeln schmerzen, die Arme sind völlig taub, aber ich will jetzt auf keinen Fall wie ein Schlaffi dastehen. Dann kommt auch noch starker Wind auf. Das Wasser kräuselt sich und wir rudern auf der Stelle. „Schneller, schneller! Immer vorwärts!“, feuert uns Neina an. Am Ufer waschen Frauen ihre Kleidung. Ihnen steht der Mund offen, als sie uns sehen: Zwei Vazahars mit hochroten, verschwitzten Köpfen, die einen Einheimischen durch die Gegend paddeln! Das ist zuviel für sie. Sie prusten los und biegen sich vor Lachen, während Neina galant seinen Hut lupft und huldvoll hinüberwinkt. Endlich, endlich wandert die Sonne tiefer und taucht die Landschaft in ein stimmungsvolles rotgoldenes Licht. Wenn sie in den Fluss taucht, wird sie in wenigen Minuten wie ein Feuerball verglühen. Dann ist es dunkel, dann können wir endlich aufhören zu paddeln! „Seht ihr da hinten die malerische Sandbank? Das wird unser Nachtlager“, sagt Neina und zeigt in die Ferne.

Wir legen mit der Kraft der Verzweiflung noch mal einen Zahn zu. Die Männer schwärmen mit ihren Äxten in das nahegelegene Wäldchen aus. Schon wenig später sitzen wir vor einem prasselnden Lagerfeuer. Grillen zirpen und eine Eule ruft durch die Nacht. Unser Huhn brabbelt vor sich hin. Es ist so friedlich und so still. So unbeschreiblich wundervoll.

Just in diesem Moment berührt die Sonne zischend die Wasseroberfläche und verwandelt den Fluss für Minuten in einen glühenden Lavastrom. Ein dumpfes Grollen und Knurren lässt mich zusammenzucken – doch es sind nur unsere Mägen. Erst jetzt merke ich, dass ich einen Riesenhunger habe. Das Gackern des Huhnes ist verstummt. Der verführerische Geruch von saftigem Grillhähnchen erfüllt plötzlich die Luft... .

ENDE

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